Dieses „Rössl“ ist was Wunderbares

Mittelbayerische.de, 06.12.2015

http://www.mittelbayerische.de/kultur-nachrichten/dieses-roessl-ist-was-wunderbares-21853-art1315815.html

Das Regensburger Publikum feiert das pfiffig inszenierte Singspiel „Im weißen Rössl“. Auch die Besetzung ist ein Glücksgriff.

Von Gerhar d Dietel, MZ44444
Wölbitsch ist ein herrlicher Kellner Leopold. Er wurde vom Publikum am Premierenabend begeistert beklatscht. Foto: Juliane Zitzlsperger

Regensburg.Nein, so intensiv wie bei der kürzlichen „Hans Heiling“-Inszenierung muss das Regensburger Publikum nicht mitwirken in diesem „Weißen Rössl“, das am Samstag umjubelte Premiere im Theater am Bismarckplatz feierte. Aber es darf die festliche Begrüßung von Kaiser Franz Josef mitgestalten, den Adam Kruzel als pompöses lebendes Denkmal gibt und mit herrlich knödelnder Sprechstimme ausstattet. Kartoffelschälen ist für die Besucher der Vorstellung diesmal auch nicht angesagt; es genügt, dass sie sie sich kurz erheben und zusammen mit den Darstellern auf der Bühne ein patriotisches „O du mein Österreich“ anstimmen, das Zahlkellner Leopold (Matthias Wölbitsch) in launiger Manier zuvor mit ihnen einstudiert hat.

Ein Feuerwerk an Einfällen

Dies bleibt die einzige „Arbeit“ für die Zuschauenden an diesem 33333Abend, ansonsten gilt die Devise: zurücklehnen, entspannen und einfach genießen. Eintauchen in eine himmelblaue Scheinwelt der kleinen Konflikte mit erwartbarem Happy End, geeignet, der deprimierenden Realität der großen internationalen Krisen und Kriege für zweieinhalb Stunden zu entfliehen. Dass das prima gelingt, dafür sorgen Thomas Enzinger (Inszenierung), Toto (Bühne und Kostüme) und Harald Kratochwil (Choreographie), effektvoll unterstützt von der Beleuchtung Wanja Ostrowers. Als bunte Revue mit viel Tempo lassen sie das „Rössl“ ablaufen, spritzig und aufgedreht, aber nicht überdreht, wovon sich einige ruhigere Momente des Nachsinnens kurz vor Schluss umso deutlicher abheben.

Toll besetzt sind auch die Rollen der Ottilie und des Dr. Siedler mit Martina Fender und Matthias Laferi. Foto: Juliane Zitzlsperger

Ansonsten gibt es viel zu schmunzeln, zu grinsen oder zu lachen. Ein Feuerwerk von pfiffigen Einfällen brennt das Regieteam ab, garniertden alten Stoff mit aktuellen Anspielungen und sorgt dort, wo es bei den zahlreichen Liebesaffären der Handlung einmal ein bisserl schmalzig werden könnte, für komische Nebenhandlungen als Gegengewicht.

AnnaPisareva als Klärchen mit entzückendem Sprachfehler Foto: Juliane Zitzlsperger

55555Anti-illusionistisch ist in dieser Scheinwelt schon das Bühnenbild mit seinem halbrunden Gebirgsprospekt und den zweidimensionalen Kuh- und Lipizzaner-Atrappen, zwischen denen sich das Gebäude des „Weißen Rössl“ in Treppenfluchten auftürmt, als sei es selbst ein kleiner Berg. Auch sonst ist optisch viel geboten, wenn sich das ortsansässige Volk in Tracht tummelt, während die Touristen im Outfit der Entstehungszeit dieses „Singspiels“ in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts auftreten. Alle Akteure (sowie die Drehbühne) sind in ständiger Bewegung; zusätzliche Einlagen einer Gruppe Tanzender, sei es mit schwingenden Bändern, sei es als Regenschirmballett beim regionaltypischen Schnürlregen, bieten weiteren Augenschmaus.

Robert Herrmanns (vorne) als viel gescheuchter, aber trotzdem stets gut gelaunter Piccolo war ein Sympathieträger des Abends. Foto: Juliane Zitzlsperger

Gute Laune machen ebenso die musikalischen und darstellerischen Leistungen. Die Einfälle Ralph Benatzkys (und mehrerer Ko-Komponisten), die mehr von der jazzorientierten Unterhaltungsmusik der 1920er Jahre gepräg
t sind als von österreichischer Walzer-Tradition, erklingen mit Verve; das animiert aufspielende Orchester unter Leitung von Tom 77777Woods wandelt sich zeitweise geradezu zur Bigband.

Vera Semieniuk singt und spielt die fesche, resolute Wirtin, die am Ende doch vom Kellner Leopold erobert wird. Foto: Juliane Zitzlsperger

Optimal besetzt sind die Hauptrollen mit Vera Semieniuk als fescher, resoluter Wirtin Josepha Vogelhuber, die von Matthias Wölbitsch als Zahlkellner Leopold Brandmeyer hinreißend angeschmachtet wird. Den gleichen operettenhaft leichten Ton wie sie schlagen Matthias Laferi (Dr. Siedler), Martina Fender (Ottilie Giesecke) und Matthias Weißschuh (Sigismund Sülzheimer) an, zu gegebener Zeit zusätzlich versetzt mit wohldosiertem, ironisch unterfüttertem Sentiment.

 

Für viel Witz sorgen weiter Anna Pisareva als kunstvoll lispelndes Klärchen, Mert Öztaner als oft unpassend hineintönender Tubaspieler und Robert Herrmanns als hochkomödiantischer Piccolo.

Großartig ist Doris Dubiel als Berliner Schnauze. Foto: Juliane 9999Zitzlsperger

Eine Schau für sich ist Doris Dubiel in der Sprechrolle des Hosenfabrikanten Giesecke mit schnoddriger Berliner Schnauze („Det Jeschäft is richtich!“): Da wird jeder Satz zur treffsicheren Pointe. Erik Raskopf als bescheiden-ärmlicher Privatgelehrter Dr. Hinzelmann, Christiana Knaus als Kathi sowie der Zitherspieler Werner Marzahn geben der Aufführung zusätzliche Farbtupfer.

Da ka‘mer wirklich gut lustig sein

Ein bekannter, mehrfach im Ensemble angestimmter Refrain zieht sich durch den gesamten, immer wieder mit Zwischenapplaus und schließlich mit enthusiastischem Schlussbeifall bedachten Abend: „Im Salzkammergut, da ka’mer gut lustig sein“. Dem kann man angesichts dieser Regensburger Neuinszenierung des „Weißen Rössl“ aus Publikumsperspektive nur zustimmen.



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