Haushaltsroboter mit Barbie-Perücke

Neuinszenierung von „Martha“ in Regensburg

Es gibt sie als Aerobic- oder Escort-Bot, und das Theater Regensburg macht Reklame für sie – noch bevor die Neuinszenierung von „Martha“ anfängt: weibliche Roboter für alle Lebenslagen. Was die mit der romantischen Spieloper von Friedrich von Flotow zu tun haben, weiß erstmal nur der österreichische Regisseur Johannes Pölzgutter. Nach gut zwei Stunden auch das Publikum. Das ist dann nicht nur schlauer, sondern auch platt,  wie ganz anders das Stück endet als es ihm Opernführer steht.

Klar, dass ein deutsches Stadttheater die Geschichte rund um den Mägde-Markt von Richmond heute nicht mehr so spielen kann und mag wie einst die MET, als die vornehmen Damen Lady Harriet und ihre Zofe Nancy in der Pferdekutsche auf die Bühne kamen und Enrico Caruso den Lyonel mit Schmerz und Schmalz  sang. In Regensburg ist das Bühnenbild erst mal  (man kann es leider nicht anders sagen) schissig braun für  eine  neue Folge von „Bauer sucht Frau“. Denn der junge, tumbe Landmann Lyonel mag nicht mehr nur das Bild von Anneliese Rothenberger selig überm geflickten Fernseher küssen, sondern sucht mit seinem Stiefbruder Plumkett Mägde für Küche, Stall und Bett: unkompliziert, fleißig und verbrauchsarm.

Auch in Lady Harriets Boudoir fängt es lustig an: die Damen von Adel verbringen die Nachmittage mit einer Prise Koks, Prosecco und der neuesten Nummer von „Chippendales“. Bedient werden sie allerdings schon von den neuen vollmechanischen Dienstmädchen (alias Damenchor). Sowas offeriert die Richmond-Roboter-Kette bei ihrer Verkaufsschau  auch für die Trottel vom Dorf. Pölzgutter leert  zu diesem Plot und jedem Bild seine Überraschungs-Wundertüte: sehr witzig. Man fragt sich nur: Wie wird das enden? Denn Lyonel verliebt sich in den Roboter mit rosa Barbie- Perücke, der aber ist eigentlich Lady Harriet, die nur Abwechslung sucht.  Erst mag sie den Landmann nicht, als sie ihn dann doch mag, mag er sie nicht. Da bastelt die blonde Society-Lady als weiblicher Frankenstein, bei dem Ersatzbeine auf dem Kamin und Arme auf dem Sofa liegen, das, was Lyonel will: eine mechanische Martha. Weil sie kein im Elektrohandel verschachertes Roboter-Mädchen sein will (sie ist doch nicht blöd), weil ihr das Prolo-Zuhause der beiden Landmänner nicht gefällt. Und natürlich, weil Pölzgutter sein ganz durchtriebenes Konzept perfekt durchzieht: So hat die gute alte romantische Oper von Lortzing bis Flotow eine Zukunft (wie die von Offenbach schon längst). Auch wenn wie in Regensburg ein Dirigent bestens mitzieht: Tom Woods und das Philharmonische Orchester verordnen der altmodischen Schmonzette ironisch-flotten Klang.

Die Aufführung hat außerdem einen herrlichen Lyonel-Debütanten: Angelo Pollak, bisher mehr als Liedsänger auf Tour, jetzt mit ersten Ensemble-Erfahrungen in Regensburg, hat einen stabilen, zugleich lyrischen Tenor mit perfekter Höhe. Singt außerdem mit am Kunstlied geschulter, bester Textverständlichkeit und spielt den tumben Robot-Lover in Hochwasserhosen und mit Pudelmütze (herrliche Kostüme von Janina Ammon, eine schnell wandelbare Bühne von Nikolaus Webern): Dafür bekommt  er die meisten Bravi beim Schlussapplaus der B-Premiere  im Theater am Bismarckplatz. Die Damen: Theodora Vargas herrlich biestig und blond, Vera Semeniuk im Dauerzustand „angeschickert“, stehen  nicht auf Jägermeister sondern auf  Schickeria-Drugs. Alles zusammen ist ein herrlicher Opernspaß mit ernster Emanzipations-Schlagseite.
(Uwe Mitsching)

 



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