OHNE HÄKELDECKCHEN

In Frankfurt zeigen Sebastian Weigle und Katharina Thoma,
in Regensburg Tom Woods und Johannes Pölzgutter,
was in Flotows «Martha» steckt

von Hans-Klaus Jungheinrich

Im Focus
OPERNWELT Dezember 2016 Die deutsche Spieloper: ein Schmerzenskind. Sogar der ehemals so beliebte Lortzing ist mit Werken wie «Der Wildschütz» oder «Zar und Zimmermann» ein seltener Gast auf den Bühnen. Kreutzers
«Nachtlager in Granada» und Nesslers «Trompeter von Säckingen» werden seit Generationen gemieden, selbst ein Meisterwerk wie Nicolais «Lustige Weiber» hat es schwer – sicher nicht nur wegen des Verdi’schen «Falstaff», der freilich in eine andere Liga gehört, wie auch Cornelius’ «Barbier von Bagdad» und Wolfs «Corregidor». Die «echte»
Spieloper bedient eine Mischung aus Leichtigkeit und Sentimentalität. Das missbehagt ambitionierten Theatermachern, die als milde Erziehungsdiktatoren auf ihr Publikum blicken oder, wenn sie
schon Unterhaltung kredenzen, lieber aufs zeitgemäße Musical rekurrieren. Spieloper – das klingt nach Oma, nach Häkeldeckchen.
Hinzu kommen Aufführungsprobleme, wenn sich etwa internationale Sänger durch die deutschen Dialoge quälen. Zumindest diese Kalamität entfällt bei Friedrich von Flotows «Martha», einem durchkomponierten Stück, bei dem sich schier «natürlich» eine Nummer an die andere reiht und Arien die Handlung ebenso voranbringen wie Chöre, Duette, Quartette (alles auch mit erklecklichem a cappella-Anteil), instrumental geschickt und wirkungsvoll garniert. Die lebhaften Szenen auf dem Marktplatz von Richmond prägen sich ein, erst recht die beiden Hauptmelodien, das leitmotivisch verwendete irische Volkslied «Die letzte Rose» und Lyonels Ohrwurm «Ach so
fromm» mit der zur Redensart gewordenen Zeile «Martha, Martha, du entschwandest». Für feine Ohren mutet das Duett des Nebenpaares («Ja, was nun tun») geradezu intrikat und Smetana-nah an – der tschechische Liszt-Freund dürfte die nach der Wiener Uraufführung 1847 auch in Weimar von Liszt herausgebrachte Flotow-Oper gekannt
haben. Ein wenig gröber gestrickt die Potpourri-Ouvertüre. Alles in allem wird aber auch die Nähe zu Jacques Offenbach spürbar, mit dem der Mecklenburger Flotow einen regen künstlerischen Austausch pflegte. «Martha» ist, obwohl die Handlung in England spielt (wo der Komponist nie war), pikanterweise von französischem Esprit erfüllt, sie kann auch an chef d’oeuvres wie «La Dame blanche» (Boieldieu) und «Fra Diavolo» (Auber) gemessen werden. Fast 30 Jahre nach der letzten prominenten «Martha» auf deutschen Bühnen – der Stuttgarter Inszenierung von Victor von Bülow alias Loriot – kamen jetzt im Abstand von wenigen Tagen Neuinszenierungen in Frankfurt und
Regensburg heraus. Die Frankfurter «Martha» ist ein Liebesfall. Unmissverständlich hatte GMD Sebastian Weigle
seine innige Zuneigung zu dieser Partitur bekundet. Für ihn sprechen aus Flotows Musik echte Gefühle und unverbrauchter Humor. Entsprechend frisch klangen, wie blankgeputzt, Chor und Orchester. Das ergab einen konträren Ansatz zu Loriot, der das Stück wohl auch geliebt hat, sich für diese Liebe aber auch ein wenig genierte. Seine Inszenierung geriet damals distanziert-ironisch und spitzig-preziös; man konnte ihr einen schneidend-
schneidigen Offizierskasino-Humor bescheinigen. marta
Auf diese Weise überheblich wollte die Regisseurin Katharina Thoma die Oper nicht angehen. Dabei scheute sie sich keineswegs vor witzigen
Ideen und hübschen Aktualisierungen. Schon zu
Beginn wird dem Publikum der an die Bühnenrückwand
projizierte Katalog einer modernern
Partnerbörse serviert, als Einstimmung in die
Sphäre der erotisch gelangweilten Hofdamen
Harriet und Nancy sowie als Hinweis auf die Mägdebörse
in Richmond, bei der sie leichtsinnig auf
ein Jahr als bäuerliche Dienstmädels anheuern.
Nach vielen Verwechslungen und Verwicklungen
erklingt schließlich besagtes Lied von der «Letzten
Rose», zu dem sich hier im Hintergrund ein altes
Paar zärtlich zu ein paar Walzertakten dreht. Auf
diese Weise mengt Thoma der «leichten» Spieloper
eine heilsame Prise Melancholie bei, die auch
die «tragische» vorletzte Handlungswendung ankündigt,
wenn der seiner adligen Herkunft innegewordene
Lyonel aus Stolz die geliebte Martha abweist
(ein Verhalten, das später zu einem Operettenklischee
wurde). Am harmlos-heiteren Happy
End handelt die Frankfurter Version nichts ab. «Es
strahlet die Zukunft in freundlichem Grün» – warum sollte

man diesen Finalsatz des (manchmal auch etwas schwülstigen) Librettisten Friedrich Wilhelm Riese nicht einmal stehen lassen?
Ein wenig anders, sozusagen schräg in der Mitte zwischen Loriot und Frankfurt, die Regensburger Interpretation. Auch Regisseur Johannes Pölzgutter hat pointenreich gearbeitet, Nikolaus Weberns Bühnenbild ist mindestens so witzig wie das von Etienne Pluss am Main. In Frankfurt kampieren die beiden männlichen Helden in einem
Wohnwagen, in Regensburg treten sie bereits in der Ouvertüre in ihrem spießigen Wohnzimmer mit Fernsehtruhe auf. Lyonel wird als erotischer Träumer eingeführt, eine gute Vorbereitung für den Schlusseffekt, bei dem er sich statt mit der fleischlichen Geliebten mit einer Puppe vereinigt – eine vielleicht etwas zu angestrengte Hoffmann-
Anspielung via Offenbach. Intendant Jens Neundorff war übrigens als Jugendlicher in Loriots «Martha» involviert und hat ein paar diskrete Zitate nach Regensburg transferiert. Dirigent Tom Woods fand einen ähnlich glücklichen und eloquenten Flotow-Ton wie Weigle, brachte aber eine um mehr als eine halbe Stunde gekürzte Fassung. Die sängerische Realisierung in Frankfurt wirkte hinreißend: Maria Bengtsson ist als Harriet/Martha eine ingeniöse Legato-Sängerin; Katharina Magiera eine ungemein voluminös intonierende Nancy, AJ Glueckert der tenoral facettenreiche Lyonel, Björn Bürger ein kraftvoll-geschmeidiger Plumkett-Bariton. Vokale Profilierung auch in Regensburg: Anna Pisareva und Vera Semieniuk, gutgelaunte Gesangskünstlerinnen und filmreife Bühnenpersönlichkeiten; Angelo Pollak (Lyonel) und Jongmin Yoon (Plumkett), ein Männerpaar von
gegensätzlichem Charakter. In beiden Fällen zeigte sich «Martha» als eine Spieloper, in der es Raum gibt für plausibel ausdifferenzierte Interpretation. Ohne Oma, ohne Häkeldeckchen.

Flotow: Martha
FRANKFURT
Premiere am 16.Oktober 2016


Musikalische Leitung: Sebastian Weigle
Inszenierung: Katharina Thoma
Bühne: Etienne Pluss
Kostüme: Irina Bartels
Licht:Olaf Winter
Chor: Timan Michael
Solisten: Maria Bengtsson (Lady Harriet Durham), Katharina
Magiera (Nancy), Barnaby Rea (Lord Tristan), AJ Glueckert
(Lyonel), Björn Bürger (Plumkett) u. a.
www.oper-frankfurt.de
REGENSBURG
Premiere am 23. Oktober,
besuchte Aufführung am 3. November 2016


Musikalische Leitung: Tom Woods
Inszenierung: Johannes Pölzgutter
Bühne: Nikolaus Webern
Kostüme: Jannina Ammon
Chor: Alistair Lilley
Licht:Martyn Stevens
Solisten: Anna Pisareva (Lady Harriet Durham), Vera
Semieniuk (Nancy), Mario Klein (Lord Tristan), Angelo
Pollak (Lyonel), Jongmin Yoon (Plumkett) u. a.
www.theater-regensburg.de
Foto- Maria Bengtsson (Harriet/Martha) und
Katharina Magiera (Nancy/Julia) in Frankfurt
Foto: Barbara Aumüller



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