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Trump im Konzert

Trump im Konzert

Eine Uraufführung, in der Aussagen des 45. amerikanischen Präsidenten vertont wurden – da wird man hellhörig. Zumal das Werk in keiner Spezialveranstaltung eines alternativen Musikensembles mit avantgardistischem Anspruch im Programm steht, sondern in der regulären Abonnementreihe eines Stadttheaters. So etwas erwartet man in der Regel nicht im Neuhaussaal des Theaters am Bismarckplatz. Dass dem Regensburger Publikum hier einiges zugemutet wird, darauf verweisen schon die gratis Gehörschutzstöpsel am Eingang mit dem Warnhinweis: Das letzte Stück überschreitet Grenzwerte von 85 Dezibel.

Die tonale Moderne und Bach

Doch beginnen wir am Anfang. Etwas zu verhalten startet das Philharmonische Orchester Regensburg in Aaron Coplands Ballettsuite ‚Appalachian Spring’, kommt jedoch schnell in Fahrt und pinselt unter der Leitung von Tom Woods ein verspielt beschwingtes Idyll amerikanischer Prärie-Romantik. Umso stärker der Kontrast zum Schluss! Zunächst folgt jedoch ein Klavierkonzert des französischen Zeitgenossen Guillaume Connesson, Jahrgang 1970. Der Titel ‚The Shining One’ verweist auf die programmatische Vorlage: den Roman ‚The Moon Pool’ von Abraham Merrit aus dem Jahr 1919. Das darin beschriebene Lichtwesen in Musik zu setzen, beschwört Connesson funkelnde Klangfarben herauf, die das Orchester facettenreich zum Vorschein zu bringen weiß. Aus des Flügels Korpus schimmern die gleißenden Tonläufe von Natalia Woods andächtig mit sensibler Zurückhaltung. Ein Wechselspiel nervöser Euphorie und faszinierender Bedrängnis entsteht, auch wenn der Anspruch an die Komposition etwas hoch gegriffen scheint, ‚intensives Glück‘ und ‚quälende Todesangst‘ zugleich erlebbar zu machen, wie es die erfahren sollen, die in der Romanvorlage vom mysteriösen ‚Shining One‘ verschleppt werden.

Nach der Pause führt ein Exkurs weit über 200 Jahre zurück. Bachs Violinkonzert in a-Moll bringt Sándor Galgóczi, dritter Konzertmeister am Hause, virtuos zur Geltung. Eine historisierende Spielweise wird gar nicht angestrebt und wäre in Anbetracht des sonstigen Programms vermutlich auch fehl am Platz. Stattdessen wird eine leichte – jedoch nie hochromantische – Delikatesse eingestreut, die mit großem Bogen und feinfühligen Vibrati besonders für den zweiten Satz ein erfrischend eigenwilliges Rezept beweist. Das Streicherensemble des Philharmonischen Orchesters Regensburg zeigt unterdessen homogene Tongebung.

Dear Mr. President

‚I use…‘ beginnt in ständiger Wiederholung der Tenor Brent L. Damkier seine brillant akzentuierte Darstellung und konterkariert in dieser zwanghaften Repetition die abstruse Aussage, die der ganze Satz bildet: ‚…social media not because I like to, but because it is the only way to fight Fake News, totally unfair.‘ – einer der paraphrasierten Tweets von Donald Trump, die als Grundlage der Neukomposition des hauseigenen 1. Kapellmeisters und Dirigenten des Abends Tom Woods dienen. Die Idee zu ‚Trump‘s Tweets‘ sei ihm gekommen, als sein Alltag sich vor etwa eineinhalb Jahren dergestalt wandelte, dass er mit einem morgendlichen Blick auf Twitter begann, gespannt, was das Enfant terrible der Weltpolitik schon wieder Neues abgelassen hatte – und natürlich, wie die zehntausenden Reaktionen pro und kontra ausfielen. Dabei sei ihm die wohl unfreiwillige Musikalität und Poesie der Sprache in den Tweets des amerikanischen Präsidenten aufgefallen, die teils von unalltäglichen Formulierungen und seltsamen Wendungen herrührt: ‚Nobody – has more – respect for – women…‘, rezitiert Woods im vorangegangenen Gespräch, ‚das ist eigentlich eine seltsame Art der Formulierung im Englischen, aber es hat einen gewissen Rhythmus und Klang.‘ Und eben dieser Satz ist es, den die Chordamen des Opernchores im dritten Akt homophon vortragen, während der Herrenchor ‚Just grab ‘em by the pussy‘ dagegen skandiert.

Gegen giftiges Gezwitscher

Woods sei es ein Anliegen, der Giftigkeit und Gehässigkeit ein Gegengift entgegenzusetzen, das gleichsam die Worte selbst verwendet und verwandelt. Natürlich hat er hierfür auch kleine Anpassungen des Textes vorgenommen. Herausgekommen ist eine sechssätzige sinfonische Kantate (wobei der sechste Satz aufgrund der erreichten Lautstärke im Neuhaussaal gestrichen wurde, wie es zuvor verlautbart wurde) mit besonderem Hang zu skurril verfremdeten Blechbläserklängen und überaus ausgefallenen Sounds im Schlagwerk. Von Elementen, die an Mickey-Mousing erinnern, über Anklänge von Countrymusik bis zu musikalischen Zitaten strotzt die Partitur vor Abwechslung und Ideenreichtum. Nicht selten gerät der schallende Wust des Riesenapparats überladen, aber selbst darin spiegelt die Komposition nur konsequent ihre zugrundeliegende Thematik. Der Vulgarismus der Aussagen bleibt in der Vertonung nicht nur erhalten, sondern steigert sich gar ins Unermessliche, wodurch sich der Inhalt, höhnisch entgrenzt, in seiner Absurdität selbst entlarvt. Da braucht es keinen Fingerdeut, keine Moralität oder kompliziert konstruierte Satire, nur die hingebungsvoll amüsante Leistung von Solist Damkier und das energische Feuerwerk von Chor und Orchester. Besonders einfallsreich und wirkungsstark beginnt der fünfte Satz mit dem wohlbekannten Geräusch sich öffnender Coladosen, ehe der Chor deren Inhalt in Gläser gießt, die anschließend mit dem benetzten Finger gespielt werden, während Damkier in lieblicher Manier ‚I have never seen…‘ säuselt, das just durch die Vervollständigung ‚…a thin person drinking diet coke‘ forsch durchbrochen wird.

Der letzte Trumpf

Der nicht enden wollende Applaus fordert schließlich doch den letzten Satz als Zugabe. Dem voraus gehen noch der Hinweis, dass es sehr laut wird, und die Bitte, keine Beschwerden an die Intendanz einzureichen. Der Titel dieses Satzes ‚Covfefe‘ spielt auf den Tippfehler eines Trump-Tweets an, der viel Spekulationen hervorrief. Er darf aus dieser Perspektive wohl als dadaistischer Gipfel von Trumps ungeplanter Poesie gelten. Hier versammelt Woods nochmals alle Kaliber, um einen Samba-artigen sinfonischen Bombast auf ein in sich kollidierendes ‚Bella Ciao‘ des Chors treffen zu lassen, während irgendwo dazwischen verheißungsvoll das ‚Dies irae‘ erklingt. Zweifellos hörenswert! Zumal in dieser Uraufführung gleich zwei inzwischen unmöglich geglaubte Aspekte aufeinandertreffen: die Tagesaktualität sinfonischer Musik und eine neuartige Auseinandersetzung mit Donald Trump. Da kann man nur hoffen, dass es nicht bei nur einer weiteren Aufführung bleibt.

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Kritik von Theo Hoflich
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So klingen Trumps Tweets am Stadttheater Regensburg

So klingen Trumps Tweets am Stadttheater Regensburg

Über Twitter lässt der US-amerikanische Präsident Donald Trump die Welt gerne wissen, was ihn bewegt. Diese Tweets regten wiederum Tom Woods, den Kapellmeister des Regensburger Orchesters, zu seiner Komposition an: Tom Woods, gebürtiger Australier, ist einer von Trumps Followern. Jeden Tag liest er, was Trump so von sich gibt. „Jeden Tag“, erklärt Woods, „stehe ich auf und das erste, was ich machen möchte, ist gucken, was Trump gestern geschrieben hat, weil es immer so eine Überraschung ist.“ Nach einer Weile sei ihm dann aufgefallen, dass Trumps Tweets ein wenig nach Musik klängen, Song-Qualität hätten. Es ist also nicht bloß der Inhalt der Tweets, der Tom Woods zu seiner Komposition animiert hat, der Dirigent und Komponist hat etwas Musikalisches in ihnen entdeckt .

Tweets wie Pop, Samba und Rock

Sechs Sätze, zusammen eine gute halbe Stunde dauern die „Trump Tweets“ nun. Am Anfang des Stücks erklärt Trump, warum er sich über Twitter an die Welt wendet: Nicht, weil er die sozialen Medien liebe, sondern weil es angeblich die einzige Chance sei, Falschmeldungen, sogenannte Fake News zu bekämpfen. Tom Woods: „Der Tweet ist natürlich ganz kurz, kurz und knackig. Das ist der Witz, denn ich habe versucht, eine Musik wie Pop oder Samba oder Rock’n’Roll, selbst auch kurz und knackig, wie ein Klassik-Stück mit Polyphonie mit Harmoniewechsel zu entwickeln.“

 Tom

Tom Woods

Einen eigenen Satz widmet Tom Woods Trumps Plan, an der Grenze zu Mexiko eine Mauer zu bauen. Da hat der Komponist ausnahmsweise keinen Tweet verarbeitet, sondern eine Rede von Donald Trump. Ein anderes Thema: Trumps Geringschätzung von Frauen.

Erst Bach, dann Trump

Brent Damkier singt die Tweets von Donald Trump, unterstützt vom Chor des Stadttheaters, der auf der Galerie des klassizistischen Neuhaus-Saales steht. Den Text wird man auch auf Deutsch mitlesen können. Die „Trump’s Tweets“ bilden den Schluss des fünften Sinfoniekonzertes des Philharmonischen Orchesters. Nach der Pause spielt es Bach, dann „Trump’s Tweets“. Es gehört zum Konzept der Regensburger Sinfoniekonzerte, auch zeitgenössische Kompositionen zu spielen, sagt Intendant Jens Neundorff von Enzberg: „Es gibt ja unterschiedliche Einschätzungen. Die einen sagen, wenn man Mozart mit Zeitgenossen kombiniert, ist das eine Täuschung des Publikums, aber darum geht’s nicht. Es geht eigentlich darum, zwei verschiedene Musikrichtungen gegenüber zu stellen, ohne wertend zu sein.“ Interesse wecken dafür, dass eben auch in der Gegenwart tolle Musik entsteht, das sei die Idee.

Am 1. und 4. April 2019 im Neuhaus-Saal des Theaters Regensburg.

Menetekel des Wahns

Menetekel des Wahns

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Oper

Schnörkellos inszeniert: Verdis „Nabucco“ am Theater Regensburg

Von Egbert Tholl, Regensburg

 

Lange vor Beginn der Vorstellung sind die Zuschauer schon da. Sie sitzen auf Bierbänken vor dem Theater am Bismarckplatz, blinzeln in die Abendsonne und haben sich Kopfhörer ausgeliehen. „Silent Opera“ nennt sich das, man sieht auf großen Bildschirmen die Übertragung der Premiere von Verdis „Nabucco“, trägt einen Kopfhörer, und der Gedanke, der im dritten Akt fliegen soll („Va, pensiero“), steigt nicht in den Nachthimmel auf, sondern bleibt in den Köpfen der Zuschauer.

Drinnen ist der Chor ein Ereignis, nicht nur bei der oben erwähnten Nummer: gnadenlos präsent und sehr wach in der Gestaltung. Ebenso wie das Orchester unter Tom Woods, das die Musik des hier noch nicht vollends vom Genie gestreiften Verdi mit der nötigen Hemdsärmeligkeit darbietet. „Nabucco“ ist ein Stück der schnörkellosen Dramaturgie, und so ist auch der ganze Abend. Der aus Rumänien stammende Regisseur Rareş Zaharia packt die Babylonier, die Jerusalem erobern, in faschistische Uniformen, Nabucco, der König, erinnert stark an Mussolini, das jüdische Volk trägt die religiösen Insignien seiner in Deutschland fast vollständig vernichteten Kultur oder recht schicke Sachen aus den Dreißigerjahren (Kostüme: Katharina Heistinger). Der Hohepriester des Baal führt als katholischer Bischof eine Prozession an, seine Priester schauen aus wie Ku-Klux-Klan in Orange. Die Bühne von Helmut Stürmer dreht sich unermüdlich und zeigt so verschiedene Ansichten düsterer Macht, durch die ein stummer Schauspieler als Menetekel des Wahns geistert.

So weit ist schnell alles klar; Zaharia ist hierin vielleicht ein bisschen plump, aber es geht alles auf. Und schließlich ist „Nabucco“ ja auch ein plumpes Stück: Der König wird irr, Abigaille reißt die Macht an sich, der König wird wieder klar im Kopf und schafft Frieden. Adam Krużel ist ein Nabucco mit anrührend menschlicher Ausstrahlung, Abigaille, seine Bastard-Tochter, bis auf einen Moment das genaue Gegenteil von ihm. Der Moment ist jener, wenn Abigaille einen Anflug von Liebe zu Ismaele, zum braven Yinjia Gong, sich eingesteht. Ansonsten ist Aile Asszonyi ein Monument dramatischer Sopranwucht, extrem souverän und so kalt, dass ihr die stilisierte SS-Kluft gut steht. Neben ihr prunkt Vera Egorova-Schönhöfer als Fenena, Ismaeles wahre Liebe, mit Klangschönheit. Und – das Regensburger Theater hat zwei echte Schätze im Ensemble: Selcuk Hakan Tiraşoğlu, der hier den Zaccaria, den Hohepriester der Hebräer, mit wahrlich biblischer Stimmgröße verkörpert, und Anna Pisareva, die selbst in der kleinen Partie von Anna, Zaccarias Schwester, mit toller Stimme und darstellerischer Intelligenz jeden Fokus auf sich zieht.