Schmunzeloper mit Robotern

PREMIERE

Johannes Pölzgutter spickt die „Martha“ in Regensburg mit Gags, das Konzept schwächelt aber. Aus dem Publikum regnet’s Rosen.
Von Juan Martin Koch, MZ

REGENSBURG.Sind Roboter die besseren Menschen? Dieser im Jahr 2016 durchaus nicht abwegigen Frage geht das Regensburger Theater mit seiner neuen Produktion nach. Dass dies im biedermeierlichen Tonfall von Friedrich von Flotows „romantisch-komischer“ Oper „Martha“ geschieht, macht einerseits den Reiz des Abends aus, bedeutet andererseits aber auch ein kaum aufzulösendes musikdramaturgisches Dilemma.

Auf das Leitthema wird das Premierenpublikum bereits mit Flyern und Videos im Foyer eingestimmt: Dort wirbt das Unternehmen Richmond für verschiedene Modellvarianten seiner humanoiden elektronischen Haushaltshilfen. Wie die Pantomime zur Ouvertüre zeigt, könnten die Halbbrüder Lyonel und Plumkett solche gut gebrauchen. Der Stromversorgung im innenarchitektonisch merkwürdigerweise in den 1960ern stehen gebliebenen Wohnzimmer muss per Pedaleinsatz auf dem Heimtrainer aufgeholfen werden, und auch das Staubwischen und Stallausmisten erledigt sich nicht von alleine.

Passenderweise sind auf der anderen Seite der Drehbühne zwei gelangweilte High-Society-Damen der ewigen Schampus-Partys so überdrüssig, dass sie beschließen, sich in Richmonds Showroom als Housemaid-Bots bei potenziellen Käufern zu bewerben. Wie die sich so bewegen, kennen Lady Harriet und Freundin Nancy aus eigener Anschauung, schließlich ist im rosa Plüschboudoir eine Dienstmädchen-Armada in Frauenchorstärke stets zu Diensten.

Auf der Verkaufsmesse schlagen Plumkett und Lyonel dann zu, Letzterer vor allem aus einem Grund: Er glaubt in der perückengeschmückten Harriet ein Abbild seiner verstorbenen Ziehmutter zu erkennen, deren Porträt er vorsichtshalber eingepackt hat. Dass es sich dabei um Anneliese Rothenberger handelt – Deutschlands einstiger Operettenstar und eine beachtliche „Martha“-Interpretin –, ist ein hübscher, jedoch nicht wirklich zu Ende gedachter Einfall von Regisseur Johannes Pölzgutter. Die berühmte „letzte Rose“ kommt dann auch von der entsprechenden LP-Gesamtaufnahme. Harriet, nunmehr als Roboter „Martha“ bei Lyonel im Dienst, spielt sie mit der Plattennadel am Finger gleichsam durch ihren Resonanzkörper hindurch ab.

Beachtlich: Tenor Angelo Pollak

In dieser absurden Konstellation war Theodora Varga als Harriet/Martha somit ein Stück weit von der Last entbunden, aus dieser in der deutschen Textunterlegung eher holprigen denn poetischen Adaption des irischen Volkslieds „The Groves of Blarney“ hohe Kunst zu machen. Mit großer vokaler Routine überspielte sie insgesamt die Tatsache, dass ihre Stimme für die Rolle eigentlich zu voluminös ist, und streute markante Spitzentöne und Erregungskoloraturen im Sinne eines humoristischen Rollenporträts ein. Weil er die Liebes-Warnung in der Gebrauchsanweisung ignoriert, gerät Lyonel angesichts des vermeintlichen Rothenberger-Klons in ein emotionales Chaos und wird dafür öffentlich als „Bot-Boy“ verhöhnt. Angelo Pollak hatte also durchaus Anlass, ein verzweifeltes „Martha, Martha, du entschwandest“ herauszuschleudern, was dem jungen, vielversprechenden Ensemblemitglied mit beachtlicher Verve gelang.

Pölzgutters Regiekonzept, dessen Pulver im zweiten Akt mit vorhersehbaren, gut servierten Gags rund um die wenig hilfreichen Pseudo-Roboterinnen weitgehend verschossen wird, schwächelt indes nach der Pause. Hier wird endgültig deutlich, dass es das humoristisch-rührselige Stück nicht über den Status einer Schmunzeloper hinauszuheben vermag. An aktuelle filmische Auseinandersetzungen mit dem Thema (etwa die brillante schwedische Serie „Real Humans“) wagt man erst gar nicht zu denken. Auch Flotows Musik, die sich in der Jagdszene am rhythmischen Schmiss eines Carl Maria von Weber abarbeitet und in der Konfrontation von Lyonel/ Martha nur sehr oberflächliche Dramatik entfacht, ist wenig hilfreich.

Einen Pfeil hat Pölzgutter allerdings noch im Köcher. Das Happy End – im Original siegt die Liebe über Standesgrenzen – ist ein von Lady Harriet bitterböse eingefädeltes: Sie programmiert kurzerhand einen „echten“ Rothenberger-Bot, den Lyonel im Finale entzückt in die Arme schließen darf. Plumkett muss sich mit einem Staubsauger aus Nancys Händen zufrieden geben. Jongmin Yoon stattete den etwas plumpen Möchtegern-Cowboy mit satter Stimme und einigem komödiantischen Talent aus, Vera Semieniuks Nancy komplettierte das in den Ensembles gut harmonierende Quartett aufs Schönste. Die Nebenrollen des Lord Tristan und des Richters waren mit Mario Klein und Seymur Karimov kompetent besetzt.

Hochsolide Qualität vom Chor

Hochsolide Qualität lieferten die Gesangsroboter des Opernchors (Einstudierung Alistair Lilley) – gleichermaßen präzise im Vokalen wie in den eckigen Bewegungsabläufen. Im Graben holten die Musiker des Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von Tom Woods nach Kräften das Mögliche an Farben und Witz aus Flotows Partitur heraus. Sie lebt von einigen guten melodischen Einfällen, verirrt sich aber immer wieder in ein Niemandsland zwischen deutscher Spieloper, französischer Opéra Comique und italienischem Melodramma.

Das Publikum zeigte sich von der flotten, ein wenig belanglosen Darreichungsform sehr angetan und bejubelte Regisseur Pölzgutter mit Nikolaus Webern (Bühne) und Janina Ammon (Kostüme) ebenso wie das Musikteam, dem reichlich (letzte) Rosen zuflogen.



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