Schock zu später Stunde

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Schock zu später Stunde

Donizettis Oper „Lucia di Lammermoor“ in Regensburg endet ungewöhnlich

Wer ist dieser ältere Herr in strammer Uniform, der in fast allen Szenen von Lucia di Lammermoor auftaucht, aber weder im Programmheft noch in Donizettis Partitur steht? Die Antwort gibt es erst ganz am Ende von Brigitte Fassbaenders Neuinszenierung am Theater Regensburg. Diese be wegt sich über zwei Stunden sehr edel, sehr auf die Musik konzen triert, in schönster Konvention und mit einer fabelhaften Besetzung auf das tragische Ende zu: Edgardos Selbstmord und Lucias Wahnsinn.
Man kann sich richtig gemütlich einrichten in dieser traurigen Liebesgeschichte aus den Zeiten des italienisch-romantischen Belcanto. Nach der Vorlage von Walter Scott spielt sich das Geschehen in den finsteren schottischen Highlands ab. Der Inszenierung von Brigitte Fassbaender tut es gut, dass sie sich gegen übertriebenen Historismus, aber auch gegen jede Aktualisierung entscheidet und irgendein kühles Land des Kontinents anpeilt zur Zeit der Jahrhundertwende.

Vornehme Strenge
Da gibt es ein Herrenhaus mit hohen Wänden und Türen, das auf der Regensburger Drehbühne alle Schauplätze in vornehmer Strenge hergibt. Fassbaender hat aus ihrer Innsbrucker Intendantinnen-Zeit den Bühnenbildner und Jürgen-Rose-Schüler Helfried Lauckner mitgebracht, der in der perfekten Lichtregie von Wanja Ostrower romantische Stimmun gen zaubert: in einer Welt uniformierter Konventionen, militärischer Lagebesprechungen und desbürgerlichen Bankrotts der Familie Ashton.

Das alles zeigt Fassbaender in einer fesselnd-feinsinnigen Introduktion mit klaren Personenprofilen. Selten zuvor hat man den Zwangs-Bräutigam Arturo Buklaw so als Emporkömmling und fiesen Schnösel gesehen und gehört (Angelo Pollak) oder den Enrico Ashton als rücksichtslosen Bankrotteur im Frack wie mit Seymur Karimov. Das hätte auch eine interessante Geschichte von der Psychologencouch eines Arthur Schnitzler ergeben können.

Aber so etwas wäre Brigitte Fassbaender zu wenig für Wahnsinn und Arie der gegen ihren Willen verheirateten, fremdbestimmten Lucia gewesen. Diese zerrt vielmehr zu zarten Flötentönen und im kurzen Nachthemdchen ihren eben angetrauten Mann auf einem blutigen Betttuch aus der Hochzeitsnacht in den Hochzeits ball: blutig entmannt hat sie ihn, nackt und kastriert liegt er auf dem Leinen – jetzt kann Lucia auch zärtlich zu ihm sein.

Großartige Sänger
Aber da kommt der alte Herr insSpiel und erschießt seine wahnsin nige Tochter. Der Gedanke an Salome von Richard Strauss liegt nah: „Man töte dieses Weib!“ Das Publikum ist höchst verdattert, aber dann entlädt sich der Applausтüber den großartigen Sängern und dem tadellos agierenden Tom Woods am Pult. Cesar Delgado, ein junger mexikanischer Tenor, war ein liebenswürdig-leidenschaftlicher Edgardo, Diana Tugui als Spezialistin für italienische Romantik von Bellini bis Verdi eine erstklassige Lucia. > UWE MITSCHING

 

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