Spannende Reise in die Stummfilmzeit

Mit Murnaus Meisterwerk „Faust“ und den Regensburger Philharmonikern wurde das Velodrom für einen Abend Lichtspieltheater.

REGENSBURG.Das Regensburger Velodrom schien am Sonntagabend für wenige Stunden wieder zu dem zu werden, was es in seiner wechselvollen Geschichte ab 1929 auch einmal war: ein Lichtspieltheater.
Ein magisches Wort aus fernen Zeiten. Das ist so viel mehr, als wir heute unter dem Begriff „Kino“ verstehen. Das ist jenseits von unserer selbstverständlichen Konsumhaltung mit Popcorn, Dolby-Digital und 3D-Technik. Das hatte in den 1920er Jahren noch ein bisschen den Flair eines Theaterbesuchs mit Kleid und Frack. Das live spielende „Lichtspielorchester“ hatte sich bei großen Filmproduktionen da schon lange durchgesetzt. Was für ein Aufwand, heute kaum mehr vorstellbar.

Umso nostalgischer mutete die Szenerie auf der Bühne an: Vor der Leinwand die Holzblasinstrumente, im Orchestergraben der Rest der Philharmoniker. Tom Woods am Pult, eingefangen in einem einsamen Lichtkegel. Und dann der Film: Was für eine Wucht und Monumentalität. Friedrich Wilhelm Murnau gestaltete den klassischen Faust-Stoff als mächtiges Licht- und Schattenspiel, perfekt und düster ausgestattet von Robert Herlth und Walter Röhrig, den beiden bedeutendsten deutschen Szenenbildnern und Filmarchitekten des 20. Jahrhunderts.

Spiel mit hoher Ausdruckskraft

Szenerien entstehen als Gemälde mit verschiedensten Bühnen- und Lichtebenen. Tiefe wird erzeugt wie im klassischen Bühnenbau. Kein Zweifel mag daran sein, dass sich bis heute die Filmemacher wie etwa der Blockbuster „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ kräftig an dieser stilbildenden Bildersprache bedienen. Die Tricktechnik steckt freilich noch in den Kinderschuhen, aber sie wirkt handwerklich solide und dramaturgisch eingebunden. Das Schauspiel im Stummfilm ist ohnehin etwas Besonderes, die akustische Beschneidung erfordert eine hohe Ausdruckskraft, ohne ganz in die Pantomime abzugleiten. Den späteren Oscar-Preisträger Emil Jannings als abgrundtief bösen und linkischen Mephisto zu erleben, ist auch noch nach 90 Jahren mit seiner exaltierten Darstellung ein Ereignis.

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Das alles geschah mit der musikalischen Untermalung von Bernd Schultheis aus dem Jahr 2000. Seine Komposition eröffnet einerseits eine heutige Perspektive auf Murnaus Film und spielt andererseits mit den musikalischen Ausdrucksformen der 1920er Jahre. Wirbelnde Klangspiralen, süffige Walzer à la Schostakowitsch und dramatische Klangteppiche mit klar erkennbaren Leitmotiven ließen fast vergessen, dass die Musik im modernen Gewand daherkam. Und fast vergaß man während des Films auch das Orchester, dass sich mit hoher Konzentration der immensen Herausforderung stellte, auf den Punkt genau synchron zum Film zu musizieren.

Der Film und das Konzert

  • Faust – eine deutsche Volkssage:

    Das Filmepos von Friedrich Wilhelm Murnau wurde 1926 fertiggestellt. Der Film ist geprägt vom dominanten Spiel Emil Jannings’, den Bauten von Robert Herlth und Walter Röhrig sowie seiner Beleuchtung. Bereits das „Vorspiel im Himmel“ zeigt einen Hauptcharakterzug von Murnaus Faust: seine ausgeklügelte Kamera- und Tricktechnik, die ihm eine außerordentliche visuelle Kraft verleiht.

  • Der Filmemacher:

    Friedrich Wilhelm Murnau lotet im Faust die Grenzen beim Einsatz filmischer Möglichkeiten, insbesondere bei den visuellen Effekten – etwa Doppelbelichtungen – aus. Das Bühnenbild hält die Balance zwischen dem Expressionismus, der seit „Das Cabinet des Dr. Caligari“ (Robert Wiene, 1920) den deutschen Film bestimmt, und der romantischen Malerei. Bereits zum dritten Mal präsentierte das Theater Regensburg ein Filmkonzert als großes Leinwandtheater untermalt von packender musikalischer Begleitung.

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