Überdreht bis zum Anschlag

Bayerische-staatszeitung.de, 07.12.2015

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turbulent gehts zu im „Weißen Rößl“ mit Matthias Wölbitsch hinten), Vera Semieniuk und Robert Herrmanns. (Foto: Juliane Zitzlsperger)

Thomas Enzingers „Im Weißen Rößl“ bietet den Regensburger den ultimativen Operetten-Kick

Klar, es regnet im Salzkammergut. Nicht immer, auch nicht immer öfter – aber effektvoll mit Donner, Blitz und einem Regenschirmballett. Und zwar immer, wenn Thomas Enzinger „Im Weißen Rößl“ inszeniert, pladdert es – nach Nürnberg (2013) jetzt wieder in Regensburg und seiner „Rößl“-Parapluie-Parade.

Aber jedesmal haben die „Rößls“ andere Spezialitäten auf der Karte: in Köpplingers Münchner Zelt-Rößl war’s Maximilian Schell als Kaiser, in Nürnberg hatte  Enzinger den Leopold aus Fürth ausgeliehen (Volker Heißmann) – aber Regensburg hat nun den „Wölbi“ (Matthias Wölbitsch). Von dem schwärmen schon die Damen an der Kasse. Die Rößl-Wirtin Vogelhuber leider zu spät – aber davon lebt ja das Stück.

Komik, Karikatur, Kalauer

Auch das Publikum spielt mit: in Regensburg muss es die Kaiserhymne singen und kommt zu Nikolaus in Dirndl und Lederhosen. Das gibt es auf der Bühne vervielfacht in knallbunten Varianten und in Totos Hotelgebirge, wo die Balkone wie Almwiesen am „Rößl“ kleben  und damit die Bausünden des heutigen St. Wolfgang auf die Schippe nehmen. Komik, Karikatur, Kalauer: Enzinger weiß, dass  Ralph Benatzky (übrigens in St. Wolfgang beerdigt) nicht den späteren Peter-Alexander- und-Waltraud-Haas-Kitsch, sondern eine aktuelle Revue wollte: für das Berliner Publikum von 1930.

3000 Zuschauer kamen pro Vorstellung und das en suite, auch um dem neuen Massentourismus zu erliegen, der in Regensburg mit Selfie-sticks das Rößl vom Kuhstall bis zur Kaiservisite durchtobt. Franz Josef kommt zur Kaiserjagd nicht per Dampfschiff sondern per dreistöckiger Torte – immerhin mit Backenbart (Adam Kruzel). Um ihn herum Golfspieler und Pauschaltouris.

Am köstlichsten berlinert  Doris Dubiel schließlich sogar in kleidsamen Lederhosen als Giesecke sich durch die „Hemdhosen“-Intrige und zieht über die „Yetis vom Wolfgangsee“ her.

Hendl fliegen durch die Luft

Das Tollste: Die Rößl-Gag-Revue hält ihr Tempo, ihren auf der Skala nach oben hin offenen Wortwitz  durch, ist  überdreht bis zum Anschlag. Das Philharmonische Orchester unter Tom Woods säuselt mit optimaler Romantik, der Dr. Siedler singt hübsch Tenor, der schöne  Sigismund sülzt schmachtend sein Klärchen beim Schwimmflossenballett an, Paprikahendl und Touristenkoffer fliegen durch die gesunde Salzkammergutluft. Und wenn der morgendliche Hahnenschrei kakophon die Langschläfer weckt, kommentiert Giesecke: „So kräht ja noch nicht mal mein Wasserhahn.“

Enzinger gibt auch das Motto „Sex sells“ aus, schickt rhythmische Sportgymnastik wie beim „Bund deutscher Mädel“ über die walzerselige Bühne (Choreografie: Harald Kratochwil), wo man sich auch am Unterwäsche-Ballett sattsehen kann.

Da reibt man sich verwundert die Augen: War das nun die  übliche Operetten-Österreich-Schändung oder der ultimative Operetten-Kick? Das Regensburger Publikum hat sich definitiv entschieden: Es  trampelt, klatscht und macht dieses „Weiße Rößl“  zum Silvester/Faschings-Kassenschlager. (Uwe Mitsching)

 



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