Vivaldis Wiederentdeckung

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Vivaldis Wiederentdeckung

Eine Barockoper, wie sie sein soll: „La fida ninfa“ feiert am Theater Regensburg eine umjubelte Erstaufführung.

Von Andreas Meixner

REGENSBURG.Flammende Liebe, Eifersucht, dazu eine Prise Missverständnisse, reichlich garniert mit Versatzstücken aus der antiken Mythologie – das sind die wesentlichen Zutaten, aus denen die Geschichte um die zwei entführten Nymphen besteht. Ein barocker Plot in Reinkultur, gefällig für die höfische Kultur und dem aufstrebenden Bürgertum jener Zeit und vertont von Antonio Vivaldi, dem man gerne zu Unrecht nachsagt, im Rahmen seines Personalstils nicht allzu erfinderisch gewesen zu sein.

Letzteres spricht eher für eine markante Handschrift. Und wer nur die Instrumental- oder Kirchenmusik des Venezianers kennt, musste in der Premiere von „La fida ninfa“ im Theater Regensburg überrascht sein über eine völlig andere Klangsprache, die mit ihrem Einfallsreichtum eben nicht das Klischee des routinierten Vielschreibers erfüllt, sondern in den vielen Da-capo-Arien immer wieder mit zu überraschen weiß. Kurz zur Handlung: Die Schwestern Elpina und Licori sind in Gefangenschaft geraten, der junge Morasto glaubt in Licori seine verlorene Geliebte aus der Heimat zu erkennen. Dann gibt es noch den Osmino, was natürlich zu Eifersüchteleien untereinander führt. Darüber droht stets Ungemach durch den bösen Oralto, die Flucht gelingt vermeintlich in der idyllischen Traumwelt von Arkadien.

Anmutig und ironisch-bissig

Was Regisseur Johannes Pölzgutter zusammen mit dem Videokünstler Manuel Kolip und Janina Ammon (Ausstattung) daraus machen, ist eine leichtgewebte, anmutige, aber auch ironisch-bissige Brechung barocker Spielarten. Kolips Videokunst bedient sich der Trickfilm und Stop-Motion-Technik mit viel Gespür für die Szenerie, nie ist sie bloße Projektion, sondern verdichtet den Moment mit wenigen, aber prägnanten Mitteln. Die Traumwelt Arkadiens ist ein aufgeklapptes comichaftes Pop-up-Buch in klassisch schwarz-weiß gehalten, wie in einem Kinderbuch zieht man an den Mündern der Schafe oder schiebt die Sonne in Position.

Es wird wunderbar albern, wenn die Götter Juno und Eolo in völliger Überzeichnung die Szene betreten. Die Illusion einer besseren Welt, die am Ende nur der Fantasie der Verzweiflung entspringt. Das böse Erwachen kommt in der letzten Szene, bevor der Vorhang fällt. Bis dahin brennt das Sängerensemble ein barockes Feuerwerk exaltierter Sangeslust ab.

Vivaldi und die Oper

  • Fassung: Die ursprüngliche Spieldauer von fast dreieinhalb Stunden wird in der Regensburger Fassung auf 2 Stunden und 40 Minuten gekürzt.

Und es ist schwer, eine Leistung besonders hervorzuheben, weil alle Solisten sich mit dem barocken Gestus der Kolorarturen, Phrasierung und Tonbehandlung so ungemein wendig und versiert zeigten. Sicher stechen Sara-Maria Saalmann als Morasto und der Countertenor Onur Abaci in der Rolle des Osmino ein wenig heraus. Saalmann wütet in tiefster Eifersucht durch die halsbrecherischen Kurven ihrer Arien, findet aber ebenso zu höchst zerbrechlicher Anmutung, in verzweifelter Liebessehnsucht. Abaci ist eine Klasse für sich, stilsicher und geschmeidig in seiner Stimmgebung. Ein Luxus, den sich das Theater Regensburg mit ihm leistet. Vera Semieniuk ist in allem, was sie macht, nicht nur begeisternd, sondern ist auch schauspielerisch in der Rolle der kessen Elpina treffsicher. In Phasen des zweiten Teils, in denen der Personenregie nicht viel einfiel, war sie das belebende Element auf der Bühne. Anna Pisareva als Licori brillierte technisch durch alle Register mit einer schieren Leichtigkeit, die nur beeindrucken konnte.

Überragende Ensembleleistung

Als grobschlächtiger und brutaler Oralto sang Johannes Mooser fast ein wenig zu schön, aber auch er zeigte, wie Barockmusik geht. Und aus dem Orchestergraben ragt der lange Hals der Theorbe hervor. Zeichen dafür, dass man auch dort alles richtig machen wollte, trotz überwiegend modernen Instrumentariums. Tom Woods führt die kleine Besetzung des Philharmonischen Orchesters durch die Partitur, mit Verve und akzentuierter Tonbehandlung. Vibratoarm, aber dennoch kraftvoll und mit Esprit. Eine Barockoper, wie sie sein soll: Voller Lebensfreude, Leidenschaft und Virtuosität! Großartig!

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