Wahnsinn im Kerker: „Lucia di Lammermoor“ in Regensburg

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Wahnsinn im Kerker: „Lucia di Lammermoor“ in Regensburg

Eine junges, aber spektakuläres Sängerteam begeisterte bei der Premiere von Gaetano Donizettis Belcanto-Oper. Regisseurin Brigitte Fassbaender verlegte die Handlung in die Zeit um 1900 – als Frauen noch keine Wahlfreiheit hatten, sondern irre wurden.

Gut, dass der Regensburger Intendant Jens Neundorff von Enzberg kürzlich in Mexiko war, als Jury-Mitglied bei einem Nachwuchswettbewerb für Tenöre. Dort entdeckte er Cesar Delgado und lud ihn prompt an die Donau ein. Und so stand der Sänger, der bisher nur wenig Erfahrung in New Orleans und im abgelegenen New Hampshire hat, gestern Abend als eifersüchtiger Edgardo Ravenswood in einer Hauptrolle auf der Bühne des Regensburger Theaters, schweißüberströmt, aber glücklich. Tatsächlich hatte er alles gegeben, sein mittelamerikanisches Temperament unter Beweis gestellt, noch etwas schüchtern, aber voller Energie. Natürlich kann er mit seiner frischen, jungen und kraftvollen Stimme noch nicht sorgsam haushalten, er ist verschwenderisch, auch mal unvorsichtig, aber eben herrlich authentisch, ehrlich und so aufgewühlt, dass er alle mitriss.

Keine Halsschmerzen, sondern Leidenschaft

Die rumänische Sopranistin Diana Tugui hatte die Titelrolle übernommen und durfte am Ende die Ovationen des Publikums entgegennehmen, dabei hatte sie gar nicht sonderlich divenhaft gespielt, sondern mit berührender Intensität eine Frau dargestellt, die eine Gefangene ihrer Verhältnisse ist und daran zerbricht. So wurde dieser Belcanto-Abend tatsächlich ein Sängerfest, so berauschend, dass sich eine junge, offenbar noch ziemlich unerfahrene, aber begeisterte Zuschauerin fragte, warum die sich auf der Bühne da keine Halsschmerzen holten. Weil sie offenbar alle mit Leidenschaft dabei und entschlossen waren, Donizettis Oper zum Strahlen zu bringen.

Dieser Liebe ist keine Zukunft beschieden
© Jochen Quast/Theater Regensburg

Kuss vor dem Aufmarsch-Plan

Klar, da geht´s oft um eher akrobatische als dramatische Akzente, da steht neben der Kunst auch das Gekünstelte, aber wenn das so nebenbei und wie selbstverständlich interpretiert wird, macht das durchaus Sinn. Die Besetzung war somit ideal und das eigentliche Regensburger Ereignis: Der slowakische Bariton Daniel Čapkovič, der wie Cesar Delgado ebenfalls zum ersten Mal in Deutschland auf einer Opernbühne stand, komplettierte als herrsüchtiger Vater Enrico Ashton das furiose Spitzentrio, das an diesem Abend zurecht umjubelt war. Die ungewöhnliche Besetzung hatte sich also in jeder Hinsicht gelohnt.

Frau ohne Wahl
© Jochen Quast/Theater Regensburg

Diana Tugui als Lucia Ashton

Vor Lautstärke wird gewarnt

Dirigent Tom Woods musste zwar ohne die Glasharfe auskommen, für die „Lucia di Lammermoor“ ja berühmt ist, aber dem Programmheft war zu entnehmen, dass das exotische Instrument schon bald nach der Uraufführung 1835 von Donizetti durch eine Flöte ersetzt wurde. Die machte ihre Sache recht gut, klang selbstredend aber nicht halb so irrsinnig wie die Glasharfe. Ansonsten fand Tom Woods die ideale Balance zwischen sängerfreundlicher Zurückhaltung und sehr robusten Chor-Bildern, die auch mal an jene 85 Dezibel Lautstärke heranreichten, vor denen das Theater routinemäßig warnt.

Mehr Mausoleum als Herrensitz

Regisseurin Brigitte Fassbaender hatte die Handlung vom schottischen Hochland des 17. Jahrhunderts in die Zeit um 1900 verlegt, in einen Herrensitz, der mehr an ein Mausoleum oder einen Kerker erinnerte (Ausstattung: Helfried Lauckner). Hohe, schwarze Flügeltüren rahmten einen dunkelgrauen Festsaal ein, in dem Lucia zur Hochzeit gezwungen wird, ihren ungewollten Gemahl ermordet, indem sie dessen Gemächt absäbelt, und dadurch bis zum Wahnsinn traumatisiert wird. Klar, dass sie von der anwesenden Männergesellschaft aus uniformierten Soldaten dafür erschossen wird. Wahlfreiheit war damals für Frauen eben nicht vorgesehen, sie wurden vielmehr möglichst gewinnbringend unter die Haube gebracht. Soll ja auch heute noch in anderen Kulturen vorkommen, aber Brigitte Fassbaender wollte sich ausdrücklich nicht anmaßen, darüber zu urteilen und verlegte daher ihre „Lucia di Lammermoor“ statt nach Indien und in den Iran lieber ins Deutschland von vor 100 Jahren.

Schottische Perspektiven oder Gender-Tristesse?
© Jochen Quast/Theater Regensburg

Trübe Aussichten

Wie immer gelang ihr eine sorgfältige, handwerklich saubere Regiearbeit, die diesmal allerdings nicht besonders verstörend oder aufrüttelnd war. Dafür war es fesselnd anzusehen, wie gebannt die Chormitglieder in ihrer Rolle blieben, auch, wenn sie mal länger nur Zuschauer des Geschehens waren. Und Leerlauf gibt es bei Brigitte Fassbaender auch nicht: Wenn die Musik mal Zeit braucht, wird die grundsätzlich genutzt, nicht für hilfloses Gestikulieren, sondern um die Handlung zu bereichern. Eine überzeugende Premiere zum Abschluss der Saison in Regensburg.

Wieder am 2., 5. und 9. Juli, weitere Termine am Theater Regensburg.

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